q&more
Meine Merkliste
my.chemie.de  
Login  

News

Egoistische Chromosomen machen schädliche Pilze angreifbar

Grundlegend neue Züge in den Vererbungsmechanismen von pflanzenschädlichen Pilzen entdeckt

© Dr. Janine Haueisen

Konfokalmikroskopische Aufnahme von der Infektion einer Weizenpflanze: Der Pilz dringt in die Spaltöffnungen der Blätter ein und kann sich zwischen den Pflanzenzellen ausbreiten.

13.02.2019: Weizen ist weltweit das am zweithäufigsten angebaute Getreide und in vielen Ländern unverzichtbarer Rohstoff für zahlreiche wesentliche Grundnahrungsmittel. Allein in Deutschland werden pro Jahr zwischen 20-25 Millionen Tonnen des Getreides geerntet. In Nordwesteuropa ist der Weizenanbau allerdings mit einem bedrohlichen Schädling konfrontiert, der im Extremfall Ernteeinbußen von rund 50 Prozent verursachen kann: Die Bekämpfung des Pilzes Zymoseptoria tritici ist daher von elementarem Interesse für die Ernährungssicherheit und erfolgt bislang hauptsächlich auf konventionellem Weg durch den großflächigen Einsatz von Fungiziden - mit allen damit verbundenen Nachteilen für die Umwelt und Verbraucher. Da der Pilz vermehrt unempfindlich gegen Pflanzenschutzmittel wird und es umgekehrt bislang keine vollständig gegen den Schädling resistenten Weizensorten gibt, forschen Wissenschaftler an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) gemeinsam mit Kollegen weltweit intensiv an nachhaltigen Wegen, um den Pilz in Schach zu halten.

Translationale Evolutionsforschung

An der CAU arbeitet insbesondere das Kiel Evolution Center (KEC) daran, evolutionsbiologische Prinzipien zur Anwendung zu bringen und unter anderem für die Schädlingsbekämpfung nutzbar zu machen. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung hat nun ein KEC-Forschungsteam gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön (MPI-EB) gemacht, indem es die Grundlagen der Vererbung des schädlichen Pilzes und damit potenzielle Wege zu seiner Bekämpfung untersuchte. Die Kieler Forschenden fanden heraus, dass die sogenannte Meiose, also die Reifeteilung der Keimzellen und die damit verbundene Vervielfältigung der Erbinformationen, bei Zymoseptoria tritici anders abläuft als bisher gedacht. Die Pilze weisen zusätzliche, ungepaarte Chromosomen auf, die genetische Informationen an all ihre Nachkommen und nicht nur einen Teil der Folgegenerationen weitergeben können. „Wir haben festgestellt, dass zwar den Chromosomen, nicht aber dem Pilz insgesamt ein evolutionärer Vorteil durch diese Art der Vererbung zugutekommt“, betont Dr. Michael Habig, Erstautor der Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Umweltgenomik am Botanischen Institut der CAU. „Nur die Chromosomen selbst profitieren davon, ihre Merkmale an alle Nachkommen weiterzugeben und agieren also im übertragenen Sinne egoistisch“, so Habig weiter. Dieses Phänomen wiesen die Forschenden erstmals bei Zymoseptoria tritici nach und veröffentlichten ihre Ergebnisse kürzlich im Fachmagazin eLife.

Die Meiose – ein alter Bekannter aus dem Bio-Unterricht?

Im Mittelpunkt des neu beschriebenen Vererbungsprozesses steht die Meiose, die ein zentraler Schritt der geschlechtlichen Fortpflanzung ist und bei diesen Pilzen offenbar grundlegend anders ablaufen könnte als bisher gedacht. Bei der normalen, der sogenannten Mendelschen Vererbung dient sie dazu, die unterschiedlichen mütterlichen und väterlichen Chromosomen in Form sogenannter homologer Chromosomen zu kombinieren und auf die Nachkommen zu verteilen. Auf diese Weise kommt die Vererbung von genetischen Merkmalen der Mutter und des Vaters an jeweils die Hälfte der Nachkommenschaft zustande. Bei Zymoseptoria tritici scheint hingegen die Meiose völlig anders abzulaufen - insbesondere für die sogenannten überzähligen Chromosomen, die sich nicht mit dem entsprechenden väterlichen oder mütterlichen Gegenstück kombinieren können. Diese ungepaarten Chromosomen werden also ausschließlich entweder von der Mutter oder dem Vater vererbt. Dabei konnten die Forschenden nachweisen, dass die mütterlichen überzähligen Chromosomen an alle Nachkommen weitergegeben werden – und nicht nur an die Hälfte, wie zu erwarten gewesen wäre. „Die treibende Kraft hinter dieser Strategie ist der sogenannte meiotische Drive, der für die erhöhte Übertragung der Chromosomen in die Nachfolgegeneration sorgt“, unterstreicht Professorin Eva Stukenbrock, Leiterin der gemeinsam an der CAU und dem MPI-EB angesiedelten Arbeitsgruppe Umweltgenomik und Vorstandsmitglied des KEC. „Diese alternative Art der Vererbung war bereits von anderen Organismen bekannt. Wir konnten sie nun bei Zymoseptoria tritici nachweisen und haben in seinen Erbinformationen besonders viele der daran beteiligten Chromosomen gefunden“, so Stukenbrock weiter.

Ein mögliches Einfallstor zur Bekämpfung der Weizenschädlinge

Die Vererbung durch überzählige Chromosomen scheint für den Gesamtorganismus vor allem ein nachteiliger Prozess zu sein. Warum die Pilze dennoch im Laufe der Evolution über einen langen Zeitraum daran festgehalten haben, ist noch nicht vollständig untersucht. Einerseits hemmt sie die Pilze zwar in der Fähigkeit Weizen zu befallen, erhöht aber möglicherweise zugleich ihre Fähigkeit, sich an geänderte Umweltbedingungen anzupassen. Die Kieler Forschenden sehen in der egoistischen Strategie der Chromosomen aber insbesondere das Potenzial, zukünftig neue Mittel zur Bekämpfung des schädlichen Pilzes zu finden. „Möglicherweise gelingt es uns, bestimmte genetische Informationen durch diese besondere Art der Vererbung in die Pilze zu bringen, die ihre Schädlichkeit für den Weizen nachhaltig reduzieren könnten“, gibt sich Habig optimistisch. „Dabei könnte man sich zunutze machen, dass sich alle Nachkommen zugleich mit den entsprechenden Erbinformationen ausstatten lassen“, so Habig weiter. Die dafür nötigen Methoden, wie zum Beispiel das sogenannte Genome Editing, werden zurzeit weltweit intensiv erforscht. Das am KEC erforschte Prinzip könnte also in Zukunft dabei helfen, Weizenpflanzen dauerhaft vor dem Befall mit Zymoseptoria tritici zu schützen.

Originalveröffentlichung:
Michael Habig, Gert HJ Kema and Eva Holtgrewe Stukenbrock: "Meiotic drive of female-inherited supernumerary chromosomes in a pathogenic fungus"; eLife; 2018

Fakten, Hintergründe, Dossiers

  • Getreide
  • Weizen
  • Pilze
  • Zymoseptoria tritici
  • Schädlingsbekämpfung
  • Meiose
  • Chromosomen

Mehr über Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

  • News

    Neue Strategien gegen die Antibiotikakrise

    Eine der gravierendsten Gefahren für die öffentliche Gesundheit weltweit geht von Antibiotika-resistenten Krankheitserregern aus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor dem bevorstehenden Beginn einer postantibiotischen Ära, in der eigentlich harmlose Infektionen nicht mehr behandelb ... mehr

    Das Beste aus zwei Welten: Ein Designer-Molekül gegen Typ-2-Diabetes

    Aus zwei natürlich vorkommenden Proteinen hat ein Wissenschaftsteam aus Kiel und Melbourne ein neues Protein entwickelt, das in Laborversuchen sehr effektiv gegen Typ-2-Diabetes wirkt. Wissenschaftler um Professor Stefan Rose-John, Biochemiker an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ... mehr

    Plan B beim Cholesterintransport

    Cholesterin ist ein lebenswichtiger Zellbaustein bei Mensch und Tier und elementarer Bestandteil der sogenannten Zellmembran. Diese Grenzschicht trennt das Zellinnere von den Nachbarzellen und dem Umgebungsmilieu ab. Sie sorgt mittels bestimmter Proteine dafür, dass diverse Botenstoffe in d ... mehr

q&more – die Networking-Plattform für exzellente Qualität in Labor und Prozess

q&more verfolgt den Anspruch, aktuelle Forschung und innovative Lösungen sichtbar zu machen und den Wissensaustausch zu unterstützen. Im Fokus des breiten Themenspektrums stehen höchste Qualitätsansprüche in einem hochinnovativen Branchenumfeld. Als moderne Wissensplattform bietet q&more den Akteuren im Markt einzigartige Networking-Möglichkeiten. International renommierte Autoren repräsentieren den aktuellen Wissenstand. Die Originalbeiträge werden attraktiv in einem anspruchsvollen Umfeld präsentiert und deutsch und englisch publiziert. Die Inhalte zeigen neue Konzepte und unkonventionelle Lösungsansätze auf.

> mehr zu q&more

q&more wird unterstützt von:

 

Ihr Bowser ist nicht aktuell. Microsoft Internet Explorer 6.0 unterstützt einige Funktionen auf Chemie.DE nicht.