q&more
Meine Merkliste
my.chemie.de  
Login  
Antibiotika­resistenzen

Antibiotika­resistenzen

Immerwährende Herausforderung für die Wirkstoffforschung

Prof. Dr. Mark Brönstrup (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung GmbH)

Finden auch Sie es lästig und unerfreulich, wenn als längst erledigt abgehakte Aufgaben auf einmal wieder auftauchen, sich leider doch als unerledigt entpuppen und dringende Bearbeitung erfordern? In der Wirkstoffforschung gehört das Thema Antibiotika zu den glänzenden und erschreckenden Beispielen dieses Phänomens, wie der jüngste Bericht der WHO zum Thema antimikrobielle Resistenz belegt.

Die Entdeckung der Antibiotika in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gehört zweifelsohne zu den Meilensteinen der Medizingeschichte. Angefangen mit den Entdeckungen des Penicillins durch Alexander Fleming und der Sulfonamide durch Gerhard Domagk wurden bis zu den 1960er-Jahren eine Vielzahl wirkungsvoller, bis heute in Gebrauch stehender Antibiotikaklassen auf den Markt gebracht. Dieser Siegeszug führte den US Surgeon General William H. Steward zu dem Urteil „…that we essentially defeated infectious diseases and could close the book on them…“.

Zu wenig neue Produkte

Ein Trugschluss, der die Wandlungsfähigkeit von Krankheitserregern massiv unterschätzte. Außerdem sprachen ökonomische Argumente gegen ein starkes Engagement der Industrie in der Antibiotikaforschung und -entwicklung: Weil neue, innovative Produkte nur kurzzeitig für die Dauer weniger Wochen eingesetzt wurden (dann war der Patient schließlich geheilt) und oftmals als Reservemedikament anstelle einer Primär­behandlung Verwendung fanden, versprachen Antibiotika geringere Umsätze und Gewinne als andere, gegen chronische Krankheiten gerichtete Medikamente. Der Forschung wurde paradoxerweise auch ihre Qualität zum Verhängnis: Die hohe translationale Prädiktivität der In-vitro-Systeme und Tiermodelle für Antibiotika führt zu einer hohen Ausschlussrate in der Präklinik und entsprechend quantitativ dünnen Pipelines – ein Nachteil bei einer zahlengetriebenen Perspektive auf die R&D- ­Produktivität, die auch die guten Erfolgsquoten der späten klinischen Entwicklung nicht honorierte. Die geringe ökonomische Attraktivität und der scheinbar gedeckte medizinische Bedarf führten in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem massiven Rückgang der Anti­­bio­tikaforschung und dementsprechend zu wenig neuen Produkten.

Der zunehmenden Resistenzentwicklung begegnen

Nicht nachgelassen hat hingegen die Resistenzentwicklung der Pathogene. Weil sich Bakterien permanent durch Mutationen oder Übernahme ganzer Gene ­anpassen, werden viele der ehemals effektiven Antibiotika zunehmend wirkungslos, insbesondere gegen die im sogenannten ESKAPE-Panel zusammengefassten Problemkeime. Daher haben Wissenschaftler bei Fortsetzung dieser Entwicklung das Schreckgespinst eines Rückfalls in die prä-antibiotische Ära mit stark erhöhter infek­tionsbedingter Mortalität gezeichnet.

Diese Aussicht führte zu Gegenmaßnahmen aller Beteiligten: Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat durch Maßnahmen wie den u.a. im GAIN (Generating Antibiotics Incentives Now) Act verankerten vereinfachten Zulassungsstudien, schnellen Zulassungsverfahren („fast track“) und verlängerten Patentlaufzeiten die Entwicklung von Anti­biotika für antizyklisch agierende Biotech-Unternehmen wie Cubist, aber auch Big Pharma-Wiedereinsteiger wie Novartis, Sanofi oder Roche ökonomisch attraktiver gemacht. Die Forschung findet zunehmend nicht mehr durch isolierte Einzelkämpfer statt, sondern in Form von Konsortien wie dem im Rahmen der Innovative Medicine Initiative (IMI) der EU entstandenen New Drugs for Bad Bugs (ND4BB). Auf deutscher Ebene ist die Formulierung der Deutschen Antibiotika Resistenzstrategie (DARTS) und insbesondere die Etablierung des Deutschen Zentrums für Infektions­forschung (DZIF) zu nennen.

Zusammengeführtes Wissen

Das DZIF umfasst 32 Einrichtungen, darunter Univer­sitäten, Universitätskliniken, Leibniz- und Max-Planck-Institute, Helmholtz-Zentren und Bundesforschungs­einrichtungen, um über eine Zusammenführung von Experten auf den Gebieten der Grundlagenforschung, Epidemiologie und Klinik wichtige Herausforderungen der translationalen Infektionsforschung zu meistern. Sofern diese Engagements stark, nachhaltig und ­ausdauernd geführt werden (denn Pathogene sind es allemal), werden wir Resistenzen erfolgreich begegnen. Aus Forschersicht bleibt nur spannend, welche der innovativen Ansatzpunkte – zum Beispiel eine modernisierte, genombasierte Naturstoffforschung, Pathoblocker wie Quorum Sensing-Inhibitoren oder Toxin-Binder, Immunmodulatoren oder pathogenspezifische Antibiotika – ganz neue (und nicht nur weiterentwickelte) Produkte liefern werden.  

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in q&more Ausgabe 2/2014.   © 2010 – 2016 succidia AG & 4t Mediengruppe, Darmstadt, www.succidia.de | All rights reserved

Fakten, Hintergründe, Dossiers

  • Antibiotika
  • Antibiotika-Resistenz
  • Wirkstoffforschung
  • Bakterien
  • Immunmodulatoren

Mehr über Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

  • News

    Proteine leichter herstellen

    Proteine sind an allen lebenswichtigen Prozessen im Körper beteiligt. Auch bei Infektionen übernehmen sie eine ganze Reihe entscheidender Funktionen, sowohl beim Eindringen der Erreger, als auch bei ihrer Bekämpfung. Um Proteine genau zu erforschen und gezielt für therapeutische Zwecke zu n ... mehr

    „Ferngesteuerte“ Salmonellen gegen Krebs

    Bakterieninfektionen als Krebstherapie? Das klingt zunächst riskant und tatsächlich sind viele gefährliche Keime nicht das Mittel der Wahl im Kampf gegen Krebs. Zwar können sie zur Rückbildung fester Tumore führen, aber sie schaden auch dem Patienten. Andere Bakterien wiederum sind harmlos ... mehr

    Auf der Suche nach dem optimalen Antikörper

    B-Zellen haben eine entscheidende Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern. Sie sind für die Produktion von Antikörpern zuständig und sind die einzigen Zellen im Körper, die aktiv ihre DNA mutieren, um neuartige Antikörper zu erfinden. Sie sind so nicht nur in der Lage, Eindringlinge zu ... mehr

  • Autoren

    Prof. Dr. Mark Brönstrup

    Jg. 1971, studierte Chemie an der Philipps-Universität Marburg und am Imperial College in London. 1999 promovierte er an der TU Berlin in organischer Chemie. Er arbeitete von 2000 bis 2013 beim Pharmakonzern Sanofi in Frankfurt, zunächst als Leiter eines Labors für Massenspektrometrie, dann ... mehr

Whitepaper

Produkt

Meist gelesen

  1. Exakte Konzentrationen bei geringen Kosten
  2. Neue Anforderungen
  3. Brücke über das „Tal des Todes“
  4. Die richtige Dosis
  5. Herausforderung
  6. Bildhaft deutlich
  7. Interessante Gesundheitsförderer
  8. Richtigkeit und Präzision
  9. Gleichgewicht
  10. Silber-Lipid-Zwerge

Themen A-Z

Alle Themen

q&more Magazin abonnieren

q&more Magazin abonnieren

q&more – die Networking-Platform für exzellente Qualität in Labor und Prozess

q&more verfolgt den Anspruch, aktuelle Forschung und innovative Lösungen sichtbar zu machen und den Wissensaustausch zu unterstützen. Im Fokus des breiten Themenspektrums stehen höchste Qualitätsansprüche in einem hochinnovativen Branchenumfeld. Als moderne crossmediale Wissensplattform bietet q&more den Akteuren im Markt einzigartige Networking-Möglichkeiten.
International renommierte Autoren repräsentieren den aktuellen Wissenstand. Die Originalbeiträge werden print und online attraktiv in einem anspruchsvollen Umfeld präsentiert und deutsch und englisch publiziert. Die Inhalte zeigen neue Konzepte und unkonventionelle Lösungsansätze auf.

> mehr zu q&more

Das q&more portal ist eine Zusammenarbeit von:

Unterstützt von  

Ihr Bowser ist nicht aktuell. Microsoft Internet Explorer 6.0 unterstützt einige Funktionen auf Chemie.DE nicht.